Offiziell anerkannte gesundheitsbezogene Wirkungen von Selen

Selen ist ein essenzielles Spurenelement, das der Körper in kleinen Mengen für verschiedene lebensnotwendige Funktionen benötigt. Eine ausreichende Versorgung mit Selen hat nachweislich positive Auswirkungen auf die Gesundheit. In der EU sind folgende gesundheitsbezogene Wirkungen von Selen wissenschaftlich belegt und offiziell als Health Claims zugelassen1:

  • Selen trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen.
  • Selen trägt zu einer normalen Spermabildung bei.
  • Selen trägt zur Erhaltung normaler Haare bei.
  • Selen trägt zur Erhaltung normaler Nägel bei.
  • Selen trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei.
  • Selen trägt zu einer normalen Schilddrüsenfunktion bei.

 

Genauer betrachtet ist Selen Bestandteil von 25 Selenoproteinen – Enzyme, die Selen als Cofaktor benötigen. All diese Enzyme spielen eine entscheidende Rolle im menschlichen Stoffwechsel. Eine kurze Zusammenfassung bietet die nachfolgende Übersicht.

Die wichtigsten selenabhängigen Enzyme und ihre Funktionen im menschlichen Körper2-4

Enzymfamilie / Enzym (Selenoprotein)

Hauptvorkommen (Organbezug)

Hauptfunktion(en)

Glutathionperoxidasen
(GPx 1-8)

Ubiquitär (in fast allen Geweben), hohe Konzentration in Leber, Schilddrüse, Erythrozyten (rote Blutkörperchen).

Antioxidativer Schutz (Hauptabwehr): Neutralisieren Wasserstoffperoxid (H₂O₂) und andere organische Peroxide. Schützen Zellmembranen und DNA vor oxidativem Schaden.

Thioredoxin-Reduktasen
(TrxR 1-3)

Ubiquitär (in fast allen Geweben).

Antioxidatives System & Zellregulation: Regenerieren das Protein Thioredoxin. Wichtig für die DNA-Synthese, Zellwachstum und die Regulation des programmierten Zelltods (Apoptose).

Iodothyronin-Deiodinasen
(DIO 1-3)

DIO1: Leber, Niere, Schilddrüse

DIO2: Gehirn, Hypophyse, braunes Fettgewebe

DIO3: Plazenta, fötales Gewebe, Gehirn, Haut

Schilddrüsenhormon-Stoffwechsel:

• DIO1 & DIO2: Aktivieren das Schilddrüsenhormon T4 in das hochaktive T3.

• DIO3: Inaktivieren T4 und T3 zur Feinsteuerung des Hormonspiegels.

Selenoprotein P (SELENOP)

Wird in der Leber produziert, zirkuliert im Blutplasma und versorgt den gesamten Körper.

Selen-Transport & Verteilung: Transportiert Selen von der Leber zu anderen Organen, insbesondere zum Gehirn und zu den Hoden. Gilt als bester Marker für den Selen-Versorgungsstatus.

Selenoprotein W (SELENOW)

Hohe Konzentration in Muskelgewebe (Skelett- und Herzmuskel) und im Gehirn.

Muskelfunktion: Wichtige antioxidative Funktion speziell im Muskel.
Beteiligt an der Differenzierung und dem Schutz von Muskelzellen.

Selenoprotein S (SELENOS)

Membran des Endoplasmatischen Retikulums (ER) in vielen Zelltypen.

Stress- & Entzündungsregulation: Reguliert den ER-Stress (wichtig für korrekte Proteinfaltung) und ist an der Kontrolle von Entzündungsreaktionen beteiligt.

Methionin-R-sulfoxid-Reduktase B1 (MSRB1)

Ubiquitär (in vielen Geweben).

Reparatur von Proteinen: Repariert oxidativ geschädigte Proteine, indem es die oxidierte Aminosäure Methionin reduziert und so die Proteinfunktion wiederherstellt.

Selen und die Entgiftung von Schwermetallen

Selen wirkt gegenüber Schwermetallen primär toxikologisch protektiv und nicht als klinischer Chelatbildner (s. u.). Zwei Mechanismen sind hier zentral:

  1. Selen bildet mit Metallen wie Quecksilber sehr stabile, biologisch inerte Hg–Se‑Komplexe, die Bioverfügbarkeit und Toxizität der Schwermetalle reduzieren. Eine hohe Schwermetall-Belastung kann daher den Bedarf an Selen beträchtlich steigern, da das Spurenelement ständig für die Schwermetallbindung bereitgestellt werden muss.
  2. Selen unterstützt als Baustein selenabhängiger Enzyme (v. a. Glutathionperoxidasen, Thioredoxin-Reduktasen) die antioxidative Abwehr und puffert metallinduzierten oxidativen/entzündlichen Stress ab.

 

Unterschied Chelate und Hg-Se-Komplexe:

Selen wirkt nicht als klinischer Chelatbildner. Ein Chelat entsteht, wenn ein Chelatbildner (z. B. EDTA, DMSA, DMPS) ein Metallion ringförmig und in der Regel wasserlöslich bindet, sodass der so entstandene Komplex im Körper mobilisiert und über die Niere ausgeschieden werden kann.

Bei Hg–Se-Interaktionen bilden sich überwiegend extrem stabile, schwerlösliche und mineralartige HgSe-Phasen (z. B. HgSe-Aggregate) oder proteingebundene Gruppen mit Selenid und reduzieren so die Bioverfügbarkeit und Toxizität von Quecksilber. Diese schwer löslichen Aggregate sind nur schlecht mobilisierbar. Die Ausscheidung erfolgt sehr langsam vorwiegend über die Galle in den Darm mit anschließender fäkaler Exkretion.

Hg–Se-Aggregate reduzieren Bioverfügbarkeit und Toxizität von Schwermetallen, fördern aber nicht die schnelle renale Elimination wie Chelatoren. Daher sind sie toxikologisch protektiv, jedoch keine klassische Chelattherapie.5

Empfohlene Selenzufuhr: Wieviel Selen pro Tag?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt folgende Schätzwerte für eine angemessene tägliche Selenzufuhr an:6

  • Erwachsene Männer: 70 µg / Tag
  • Erwachsene Frauen: 60 µg / Tag
  • Schwangere: 60 µg / Tag
  • Stillende: 75 µg / Tag
  • Kinder und Jugendliche: Je nach Alter steigende Werte von 10 µg pro Tag (Säuglinge) bis 60 µg pro Tag (Jugendliche 13–15 Jahre)

 

Welche Selenform: organisch oder anorganisch?

Selenpräparate sind in verschiedenen chemischen Formen erhältlich, die sich in ihrer Aufnahme und Verstoffwechselung unterscheiden.7 

Merkmal
Anorganisches Selen (Natriumselenit)
Organisches Selen (Selenomethionin)

Aufnahme im Darm

Moderat (ca. 50–60 %)Sehr hoch (> 90 %)

Verstoffwechselung

Wird direkt in den aktiven Selen-Pool zur Enzymsynthese eingeschleust. Überschuss wird rasch ausgeschieden.Kann unspezifisch anstelle der Aminosäure Methionin in Körperproteine (z.B. Muskeln) eingebaut werden.

Speicherung

Geringe Speicherung, kurze Halbwertszeit.Dient als Speicherform. Wird bei Bedarf langsam freigesetzt. Lange Halbwertszeit.

Besonderheiten

Sollte möglichst nicht gleichzeitig mit hochdosiertem Vitamin C eingenommen werden, da dieses Selenit zu elementarem Selen reduziert und die Aufnahme hemmen kann.Ist die Form, die natürlicherweise in der Nahrung vorkommt. Ideal zur nachhaltigen Auffüllung der Körperspeicher.

Überdosierungsrisiko

Geringer, da Überschüsse schneller ausgeschieden werden.Höher bei langfristiger, unkontrollierter Einnahme, da es sich im Körper anreichern kann.

Sicherheit von Selen

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2023 hat eine tolerierbare maximale Aufnahmemenge (Tolerable Upper Intake Level, UL) von 255 µg Selen pro Tag für Erwachsene festgelegt. Dieser Wert bezieht sich auf die Gesamtzufuhr aus allen Quellen (Nahrung und Supplemente) bei täglicher Aufnahme.8

Erst eine chronische Überdosierung von Selen, meist durch zu hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel, kann zu gesundheitlichen Schäden führen (Selenose). Charakteristische Symptome sind Haarausfall, gestörtes Nagelwachstum, Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit und ein knoblauchartiger Atemgeruch.


Selenmangel: Ursachen, Symptome und Risikogruppen9

Die Selenversorgung in Deutschland ist insgesamt als kritisch einzustufen. Die EFSA schätzt die durchschnittliche Selen-Aufnahme in europäischen Ländern – einschließlich Deutschland – auf etwa 31–66 µg/Tag.10 Diese Werte liegen damit bei einem Großteil der Bevölkerung unter den DGE-Empfehlungen. Ein wesentlicher Faktor sind selenarme Böden in Mitteleuropa, einschließlich großer Teile Deutschlands, die zu niedrigen Selengehalten in pflanzlichen Lebensmitteln führen; dies belegen europaweite Bodenkarten und Modellierungen.11/12

Aktuelle nationale Verzehrsdaten sind zudem limitiert, da Selen in großen deutschen Ernährungsstudien (z. B. NVS II) nicht systematisch erfasst wurde. . Auch die Selen-Blutwerte der Deutschen lassen auf eine nicht ausreichende Versorgung aller Bevölkerungsgruppen schließen.

Zusammengenommen sprechen Bodenverhältnisse, Zufuhrschätzungen und Blutuntersuchungen dafür, dass in Deutschland von einer verbreitet suboptimalen Selenversorgung auszugehen ist.

👉 Mehr zur Mikronährstoffversorgung in Deutschland lesen Sie hier

Typische, oft unspezifische Anzeichen eines Selen-Mangels:
  • Schwaches Immunsystem: Erhöhte Infektanfälligkeit
  • Gestörte Schilddrüsenfunktion: insbesondere, wenn gleichzeitig ein Jodmangel vorliegt
  • Muskelschwäche oder -schmerzen
  • Fruchtbarkeitsprobleme beim Mann, da Selen die Beweglichkeit der Spermien beeinflusst.
  • Haarausfall und brüchige Nägel
  • Abgeschlagenheit
 
Risikogruppen für eine Unterversorgung sind:
  • Personen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (z. B. Morbus Crohn), da die Nährstoffaufnahme gestört sein kann.
  • Patienten mit Niereninsuffizienz und Dialyse
  • Menschen mit Essstörungen oder stark einseitiger Ernährung
  • Veganer, da der Selengehalt pflanzlicher Lebensmittel stark vom Boden abhängt und die Böden in Europa eher selenarm sind.

 

 

 

Cave: Die Diagnose eines Selenmangels sollte nicht anhand der gerade genannten Hinweise erfolgen, sondern erfordert eine laborchemische Untersuchung.

KI-generiertes Bild
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 Verschiedene Biomarker geben Auskunft über den kurz- und langfristigen Versorgungsstatus:
Diagnosebaustein
Was genau wird geprüft?
Was gilt als normal? (Richtwerte)
Wann besteht Mangelverdacht?
Serum-/Plasma-Selen

Spiegelt die kurzfristige Selenaufnahme (Tage bis Wochen) wider.

80 – 120 µg/L

Werte < 70-80 µg/L

Vollblut-Selen

Misst Selen im Blutplasma und in den roten Blutkörperchen. Spiegelt die längerfristige Versorgung (ca. 3 Monate) wider.

100 – 140 µg/L

Werte < 100 µg/L

Selenoprotein P (SELENOP)

Misst die Konzentration des Haupttransportproteins für Selen. Gilt als bester funktioneller Marker für den Selenstatus.

Laborspezifisch (z. B. 4,5 – 10 mg/L)

Erniedrigte Werte zeigen einen funktionellen Mangel an.

Glutathionperoxidase (GPX)

Misst die Aktivität eines wichtigen selenabhängigen Enzyms im Blut.

Laborspezifisch

Eine erniedrigte Aktivität deutet auf einen funktionellen Mangel hin.

Hinweis: Die angegebenen Referenzwerte sind Orientierungswerte und können je nach Labor variieren.

Zusammenfassung

Selen ist ein essenzieller Mikronährstoff, der zahlreiche Funktionen im Körper unterstützt – von der Schilddrüsensteuerung über Immunsystem und Zellschutz bis hin zur Fruchtbarkeit. Die durchschnittliche tägliche Selenaufnahme beträgt laut EFSA in Deutschland zwischen 31 µg und 66 µg bei Erwachsenen und liegt somit bei einem Großteil der Bevölkerung unter den DGE-Empfehlungen. Suboptimale Spiegel treten insbesondere aufgrund selenarmer Böden in weiten Teilen Deutschlands auf, werden aber auch durch Malabsorption, Dialyse, restriktive Diäten und teils vegane Ernährung begünstigt.

Bei einer Supplementierung ist darauf zu achten, dass die Gesamtzufuhr unter dem EFSA-UL von 255 µg/Tag liegt. Bei nachgewiesener Minderversorgung, Schwermetallbelastung oder selektiv (z. B. befristeter Versuch bei Hashimoto) kann unter ärztlicher/therapeutischer Begleitung eine Supplementierung von typischerweise 100–200 µg/Tag erwogen werden.

Literatur

  1. Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission vom 16. Mai 2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel. http://data.europa.eu/eli/reg/2012/432/oj
  2. Rayman, Margaret (2017): Selenium and human health. The Lancet, Volume 379, Issue 9822, 1256 – 1268
  3. Ventura M, Melo M, Carrilho F: Selenium and Thyroid Disease: From Pathophysiology to Treatment. Int J Endocrinol. 2017:1297658. doi:10.1155/2017/1297658
  4. National Institutes of Health (NIH), Office of Dietary Supplements: Selenium – Fact Sheet for Health Professionals. URL: https://ods.od.nih.gov/factsheets/Selenium-HealthProfessional/
  5. Tinggi U, Perkins AV. Selenium Status (2022): Its Interactions with Dietary Mercury Exposure and Implications in Human Health. Nutrients. 2022;14(24):5308. Published 2022 Dec 14. doi:10.3390/nu14245308
  6. https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/selen/
  7. Rayman MP (2012): Selenium and human health. The Lancet, 379(9822), 1256-1268.
  8. EFSA NDA Panel (EFSA Panel on Nutrition, Novel Foods and Food Allergens), Turck D, Bohn T, Castenmiller J, de Henauw S, Hirsch-Ernst K-I, Knutsen HK, Maciuk A, Mangelsdorf I, McArdle HJ, Peláez C, Pentieva K, Siani A, Thies F, Tsabouri S, Vinceti M, Aggett P, Crous Bou M, Cubadda F, Ciccolallo L, de Sesmaisons Lecarré A, Fabiani L, Titz A and Naska A, (2023): Scientific opinion on the tolerable upper intake level for selenium. EFSA Journal 2023; 21(1):7704, 194 pp. https://doi.org/10.2903/j.efsa.2023.7704
  9. National Institutes of Health (NIH) – Fact Sheet for Health Professionals: Selenium. https://ods.od.nih.gov/factsheets/Selenium-HealthProfessional/
  10. EFSA NDA Panel (EFSA Panel on Nutrition, Novel Foods and Food Allergens), Turck D, Bohn T, Castenmiller J, de Henauw S, Hirsch-Ernst K-I, Knutsen HK, Maciuk A, Mangelsdorf I, McArdle HJ, Peláez C, Pentieva K, Siani A, Thies F, Tsabouri S, Vinceti M, Aggett P, Crous Bou M, Cubadda F, Ciccolallo L, de Sesmaisons Lecarré A, Fabiani L, Titz A and Naska A, (2023): Scientific opinion on the tolerable upper intake level for selenium. EFSA Journal 2023; 21(1):7704, 194 pp. https://doi.org/10.2903/j.efsa.2023.7704
  11. Reimann C, Birke M, Demetriades A, Filzmoser P, O’Connor P (2014): Chemistry of Europe’s agricultural soils – Part A: Methodology and interpretation of the GEMAS data set. Geologisches Jahrbuch (Reihe B 102), Schweizerbarth, Hannover
  12. Jones GD, Droz B, Greve P, et al.(2017): Selenium deficiency risk predicted to increase under future climate change. Proc Natl Acad Sci U S A. 114(11):2848-2853. doi:10.1073/pnas.1611576114
  13. Kieliszek, M (2019:. Selenium–Fascinating Microelement, Properties and Sources in Food. Molecules, 24(7), 1298. (Abschnitt zu Biomarkern)