Hochdosis-Vitamin D wirksam bei Multipler Sklerose: Erkenntnisse aus der D-Lay MS-Studie (JAMA 2025)

Hintergrund: Vitamin D und Multiple Sklerose

Der Zusammenhang zwischen Vitamin D und Multipler Sklerose (MS) ist seit langem Gegenstand intensiver Forschung. Epidemiologische Daten zeigen eine höhere MS-Prävalenz in höheren Breitengraden – eine aktuelle Meta-Analyse bestätigt, dass die MS-Prävalenz mit zunehmendem Abstand vom Äquator signifikant ansteigt, wobei die höchsten Raten zwischen dem 45. und 65. Breitengrad (z. B. Skandinavien, Kanada) beobachtet werden.1

Niedrige Vitamin-D-Spiegel sind sowohl mit einem erhöhten MS-Erkrankungsrisiko als auch mit gesteigerter Krankheitsaktivität bei bestehender MS assoziiert.2
KI-generiertes Bild

Vitamin D wirkt nicht nur auf den Knochenstoffwechsel, sondern übt vielfältige immunmodulatorische Effekte aus: Es hemmt proinflammatorische T- und B-Zellen, fördert regulatorische Immunzellpopulationen und reduziert die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke für Immunzellen.3  

Bei MS, einer Autoimmunerkrankung mit Angriff auf die Myelinscheiden der Nervenfasern, erscheint dieser Wirkmechanismus therapeutisch relevant.

Bisherige Interventionsstudien lieferten jedoch widersprüchliche Ergebnisse.4-5 Die im März 2025 in JAMA publizierte D-Lay MS-Studie ändert diese Situation grundlegend.

Die D-Lay MS-Studie

Die multizentrische, doppelblinde, placebokontrollierte Phase-3-Studie wurde an 36 MS-Zentren in Frankreich durchgeführt und schloss 303 Patienten ein, die innerhalb von 90 Tagen nach einem klinisch isolierten Syndrom (CIS) – dem typischen neurologischen Erstereignis einer MS – rekrutiert wurden.6 Typische CIS sind z. B. eine Optikusneuritis (Entzündung des Sehnervs), eine transverse Myelitits (Entzündung des Rückenmarks) oder Hirnstammsymptome.

Studiencharakteristika:
  • Medianes Alter: 34 Jahre, 70 % Frauen
  • Medianer Vitamin-D-Ausgangsspiegel: 45 nmol/l bzw. 18 ng/ml
  • 22 % der Patienten mit schwerem Vitamin-D-Mangel (<30 nmol/L bzw. 12 ng/ml)
  • Beobachtungszeitraum: 24 Monate
Intervention:

Die Patienten erhielten randomisiert entweder 100.000 IE Cholecalciferol (Vitamin D3) oral alle zwei Wochen – entsprechend etwa 7.000 IE täglich – oder Placebo.

Primärer Endpunkt:

Krankheitsaktivität, definiert als Auftreten eines klinischen Schubs und/oder neuer bzw. vergrößerter Läsionen in der MRT-Bildgebung.

Ergebnisse im Überblick

Endpunkt
Placebo (n=147)
Vitamin D (n=156)
Risiko-reduktion
p-Wert
Krankheitsaktivität gesamt
74,1 %60,3 %34 %0,004
Kontrastmittelaufnehmende Läsionen
34,0 %18,6 %53 %0,002
Neue/vergrößerte Läsionen
59,2 %46,2 %39 %0,003
MRT-Aktivität gesamt
65,3 %57,1 %29 %0,02
Klinische Schübe
21,8 %17,9 %31 %0,16 (n.s.)
Zeit bis Krankheitsaktivität
224 Tage432 Tage+93%0,003

n.s. nicht signifikant

Interpretation der Ergebnisse

Die Resultate sind klinisch bedeutsam: Die mediane Zeit bis zum Auftreten von Krankheitsaktivität verlängerte sich unter Vitamin D von 224 auf 432 Tage – nahezu eine Verdopplung.

Besonders eindrucksvoll ist die 53 %-ige Reduktion kontrastmittelaufnehmender Läsionen, die als Marker akuter Entzündungsaktivität gelten und langfristig zur Behinderungsprogression beitragen.

Die Schubrate erreichte keine statistische Signifikanz (p=0,16), was methodisch durch das Studiendesign erklärbar ist: Bei MRT-Aktivität wurde ein Therapiewechsel ermöglicht, wodurch die Schubrate insgesamt niedrig blieb.

Analyse der Patientengruppen, in denen Vitamin D die Krankheitsaktivität (Schübe und/oder neue MRT-Läsionen) am stärksten reduzierte – jeweils im Vergleich zu Placebo innerhalb derselben Gruppe

  • Schwerer Vitamin-D-Mangel (<30 nmol/L): 67 % Risikoreduktion
  • Keine Rückenmarksläsionen bei Diagnose: 77 % Risikoreduktion
  • Normalgewicht (BMI <25): 47% Risikoreduktion vs. nur 5% bei Übergewicht
Sicherheit und Verträglichkeit
Das Sicherheitsprofil war ausgezeichnet. Es traten keine behandlungsbedingten schwerwiegenden Nebenwirkungen auf. Weder Hypercalcämien noch Nierenfunktionsstörungen wurden beobachtet. Die Rate schwerwiegender unerwünschter Ereignisse unterschied sich nicht signifikant zwischen den Gruppen.
Vergleich mit zugelassenen MS-Therapeutika
Der beobachtete Therapieeffekt mit 34 % Risikoreduktion für die Krankheitsaktivität ist vergleichbar mit Teriflunomid (35 % in der TOPIC-Studie)7 und liegt etwas unter Interferon-beta-Präparaten (51 %-46 %)8. Dies unterstreicht das therapeutische Potenzial von Vitamin D – bei erheblich geringeren Kosten und besserem Nebenwirkungsprofil.

Bedeutung für die Praxis

Dosierung und Monitoring

Die Studie verwendete 100.000 IE Cholecalciferol alle zwei Wochen. Eine solche Hochdosis-Therapie sollte nur unter ärztlicher Kontrolle erfolgen, mit Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels vor Therapiebeginn sowie regelmäßiger Kontrolle der Calcium- und Nierenwerte! Eine tägliche Gabe von ca. 8.000 IE (entspricht ebenfalls etwa 56.000 IE/Woche) ist physiologischer und oft besser verträglich – unter demselben Monitoring. Eine gleichzeitige Reduktion calciumreicher Lebensmittel (v.a. Milchprodukte) kann das Hypercalcämie-Risiko zusätzlich senken.

Wichtig: Etwaige Nebenwirkungen entstehen nicht durch Vitamin D selbst, sondern durch übermäßige Calciumphosphat-Einlagerung – dies unterstreicht die Bedeutung der Calcium-Kontrolle.

Begleitende Vitamin-K2-Supplementation
Bei hochdosierter Vitamin-D-Gabe ist eine flankierende Vitamin-K2-Supplementation als all-trans MK-7 täglich zu empfehlen.9

Der physiologische Hintergrund: Vitamin D steigert die intestinale Calciumresorption und induziert Vitamin-K-abhängige Proteine (Osteocalcin, Matrix-Gla-Protein). Diese benötigen K2 für ihre Aktivierung durch γ-Carboxylierung. Ohne ausreichend K2 kann mobilisiertes Calcium in Gefäßwänden statt in Knochen eingelagert werden.

Cave: Patienten unter Antikoagulation mit Vitamin-K-Antagonisten (Phenprocoumon, Warfarin) sollten vor K2-Einnahme Rücksprache mit dem behandelnden Arzt halten.

Fazit

Die D-Lay MS-Studie präsentiert hochdosiertes Vitamin D (100.000 IE alle zwei Wochen) als wirksame, sichere und kostengünstige Therapieoption bei CIS und früher schubförmiger MS. Der Effekt ist bei Patienten mit Vitamin-D-Mangel am ausgeprägtesten. Eine begleitende Vitamin-K2-Supplementation wird in dieser Studie nicht explizit empfohlen. Da Vitamin K2 allerdings für einen regelrechten Calciumstoffwechsel unerlässlich ist, sollte es gerade bei einer Vitamin D3-Hochdosistherapie empfohlen werden.

Die Ergebnisse rechtfertigen weitere Studien zur Rolle von Vitamin D als Add-on zu etablierten MS-Therapeutika.

Dieser Bericht dient der fachlichen Information und ersetzt nicht die individuelle ärztliche Beratung!

Literatur

  1. Simpson S Jr, Blizzard L, Otahal P, Van der Mei I, Taylor BV (2019): Latitude continues to be significantly associated with the prevalence of multiple sclerosis: an updated meta-analysis. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 90(11):1193-1200. doi:10.1136/jnnp-2018-320189.
  2. Munger KL, Levin LI, Hollis BW, Howard NS, Ascherio A (2006): Serum 25-hydroxyvitamin D levels and risk of multiple sclerosis. JAMA. 296(23):2832-2838. doi:10.1001/jama.296.23.2832.
  3. Galoppin M, Kari S, Soldati S, et al. (2022): Full spectrum of vitamin D immunomodulation in multiple sclerosis: mechanisms and therapeutic implications. Brain Commun. 4(4):fcac171. doi:10.1093/braincomms/fcac171.
  4. Hupperts R, Smolders J, Vieth R, et al. (2019): Randomized trial of daily high-dose vitamin D3 in patients with RRMS receiving subcutaneous interferon β-1a (SOLAR). Neurology. 93(20):e1906-e1916. doi:10.1212/WNL.0000000000008445.
  5. Camu W, Lehert P, Pierrot-Deseilligny C, et al. (2019): Cholecalciferol in relapsing-remitting MS: a randomized clinical trial (CHOLINE). Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm. 6(5):e597. doi:10.1212/NXI.0000000000000597.
  6. Thouvenot E, Laplaud DA, Lebrun-Frenay C, et al. (2025): High-Dose Vitamin D in Clinically Isolated Syndrome Typical of Multiple Sclerosis: The D-Lay MS Randomized Clinical Trial. JAMA. doi:10.1001/jama.2025.1604.
  7. Miller AE, Wolinsky JS, Kappos L, et al. (2014): Oral teriflunomide for patients with a first clinical episode suggestive of multiple sclerosis (TOPIC). Lancet Neurol. 13(10):977-986. doi:10.1016/S1474-4422(14)70191-7.
  8. Kappos L, Polman CH, Freedman MS, et al. (2006): Treatment with interferon beta-1b delays conversion to clinically definite MS (BENEFIT). Neurology. 67(7):1242-1249. doi:10.1212/01.wnl.0000237641.33768.8d.
  9. van Ballegooijen AJ, Pilz S, Tomaschitz A, Grübler MR, Verheyen N (2017): The Synergistic Interplay between Vitamins D and K for Bone and Cardiovascular Health. Int J Endocrinol. 2017:7454376. doi:10.1155/2017/7454376.

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